Wortbaukasten
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Bild: Annette Eickert

Die Chroniken von Mondoria

 

Die Schattensammler-Saga Bd.1: Brennender Stahl

 

von Claudia und Urs Muther

 

 

 

 

 

 

 

 Leseprobe

 

 Fertig. Im Feuerschein der Esse begutachtete Einar der Schmied sein Werk. Vorsichtig, fast schon zärtlich wiegte er die große zweiblättrige Axt in den schwieligen Händen. Ein Meisterwerk. Sein Meisterwerk. Soviel stand fest. Über ein Jahr hatte er an der Axt gearbeitet. Allein für den Stahl der Klinge brauchte er mehr als sechs Monate. Sechsundsechzigmal war er gefaltet worden. Und bei jedem Faltvorgang hatte er genau drei Tropfen der sonderbaren Flüssigkeit hinzugegeben, die er von Aelfjur dem Mystiker bekommen hatte. So war ein Metall entstanden, wie er es zuvor nicht kannte: härter als alles, das er jemals in seiner Schmiede verarbeitet hatte, und zugleich geschmeidig, um auch beim stärksten Aufprall nicht zu brechen. Mit dieser Klinge konnte man Haare und Felsen spalten.

 

Einars Blick blieb an der Verzierung auf den Axtblättern hängen. In aufwändiger Kleinstarbeit hatte er ein hochkomplexes Muster aus ineinander und miteinander verwobenen Linien in das harte Metall geätzt. Betrachtete man das Muster etwas länger, schien es zum Leben zu erwachen, zog den Betrachter ganz in seinen Bann – fast so, als wollte es ihm etwas Wichtiges mitteilen. Faszinierend! Mit einem energischen Kopfschütteln riss der Schmied seinen Blick los. Schließlich gab es ja noch mehr zu bewundern. Der Schaft zum Beispiel bestand aus dem Stoßzahn eines Mammut-Garvs. Selbst hier oben im Norden gab es nur noch sehr wenige. Und der, der zu jenem Zahn gehörte, war einst ein besonders prächtiges Exemplar. Einar hatte einen Großteil des Schafts mit feinsten Intarsien aus Gold, Silber und winzigen Edelsteinen verziert. Tausendfach reflektierten sie das flackernde Licht, das vom Feuer in der Esse ausging.

 

Den Knauf der Waffe hatte er aus massivem Silber gefertigt. Weitgehend schmucklos. Dennoch stellte auch er etwas ganz Besonderes dar. Sein Geheimnis steckte nämlich im Inneren des Schafts. Dort befand sich ein rund dreißig Zentimeter langer Dorn, mit dem der Knauf in den Schaft eingelassen worden war. Auf Aelfjurs Geheiß hin, hatte Einar den Dorn so geschmiedet, dass in der Mitte ein Hohlraum blieb. Diesen füllte der Mystiker mit einer milchig-weißen Flüssigkeit. Wie er sie dort hinein bekommen hatte, wusste Einar nicht. Doch sie befand sich jetzt dort und erfüllte die Axt auch von innen her mit Magie. Am anderen Ende des Schaftes – da, wo er in den stählernen Kopf mündete – war auf jeder Seite ein Rubin angebracht. Blutig rot glommen die Edelsteine. Vorboten des Todes, den die Waffe zweifelsohne über alle Gegner ihres Trägers bringen würde.

 

Noch ein letzter Blick voller Stolz auf die Axt, dann wickelte Einar sie in eine weiche Decke und legte sie wie ein Baby in seine Armbeuge. Kurz darauf stand er vor der Tür der Schmiede und atmete die kalte klare Nachtluft ein. Einen Augenblick brauchte es, bis er sich an die frische kühle Luft gewöhnt hatte – wie immer, wenn er aus der heißen stickigen Schmiede ins Freie trat. Für einen kleinen Moment schaute der Schmied nach oben in den Himmel. Zwischen den Wolken schimmerten vereinzelt Sterne hindurch. Es roch nach Schnee. Im Dorf schliefen längst alle, von den Wächtern auf den Türmen einmal abgesehen. Nur im Haus des Häuptlings brannte noch ein Feuer. Und genau dorthin zog es ihn.

 

Als er die Tür des großen Rundhauses öffnete schlug ihm ein süßlicher Geruch entgegen. An einem Tisch saß Häuptling Lasse, vor sich eine Schale mit erlesenen Früchten. Eine echte Kostbarkeit jetzt im Winter. Sündhaft teuer. Lasse trug noch nicht lange die Häuptlingswürde im Stamm. Als Gunnar, ihr alter Häuptling, vor gut zwei Jahren tödlich bei der Jagd verunglückte, hatte Lasse gleich die Führung des Stammes beansprucht. Und keiner wagte es, sich ihm entgegenzustellen. Denn er war nicht nur ein großer und starker Mann, sondern auch ein hervorragender Kämpfer. Keiner wollte sich freiwillig mit ihm duellieren müssen. Und letzten Endes gab Lasse einen ordentlichen Anführer ab. Nicht so besonnen und weise wie sein Vorgänger. Aber er war ja auch noch jung. Da konnte er in Zukunft noch vieles lernen. Eine imposante Erscheinung brachte er auf jeden Fall schon einmal mit. Sein langes blondes Haar erstrahlte im Schein der Kerzen. Es wirkte auf den ersten Blick fast schon wie die Aura eines Heiligen. Um die breiten Schultern hatte er einen Umhang gelegt, gefertigt aus dem Pelz eines mächtigen Polarbären, den er eigenhändig erlegt haben sollte.

 

Neben dem Häuptling saß Aelfjur der Mystiker und redete leise auf Lasse ein. Als die beiden den Schmied eintreten sahen, standen sie sofort auf und schauten voller Erwartung auf den Ankömmling. Artig verneigte Einar sich vor seinem Häuptling. Den Mystiker bedachte er mit einem kurzen Nicken. Er mochte den Mann nicht. Warum, das konnte er nicht einmal so richtig sagen. Irgendetwas hatte er an sich, das ihn frösteln ließ – selbst in seiner Schmiede. Aelfjur war ein hagerer Mann von unbestimmtem Alter. Einar schätzte ihn auf Mitte Vierzig. Aber sicher war er sich nicht. Die dünnen fettigen Haare hatte er zu einem Zopf nach hinten gebunden. Aus dem grauen Gesicht ragte eine überlange Nase. Mit seinen stahlblauen Augen schaute er die Menschen oft an, als wolle er sie damit durchbohren. Seitdem Lasse Häuptling war, hatte auch der Mystiker an Einfluss gewonnen. Kaum wich er von Lasses Seite; beriet ihn in allen Fragen. Ja, manche sagten hinter vorgehaltener Hand, dass Aelfjur der wirkliche Häuptling des Stammes sei.

 

„Hast du es endlich vollendet!“ Der Satz aus dem Mund des Häuptlings war weniger eine Frage denn eine Feststellung. Freudig machte er einen Schritt auf den Schmied zu. Dieser packte bedächtig die Axt aus und reichte sie mit einer tiefen Verbeugung an Lasse weiter. Etwas zögerlich nahm das Stammesoberhaupt sie entgegen und hielt sie wie ein zerbrechliches Etwas in beiden Händen. Neugier, Ehrfurcht und auch ein bisschen Machthunger mischten sich in seinen Gesichtszügen. Vorsichtig schwang er die Waffe durch die Luft. Erst langsam, dann immer schneller. Er grinste. Er lächelte. Er lachte. Laut und wild. „Jaaa!“, rief er. „Wunderbar!“ Ohne erkennbare Erschöpfung beendete er nach einigen Minuten seinen martialischen Tanz. Aelfjur legte seine Hand von hinten auf die Schulter des Häuptlings. „Gib sie mir bitte für einen Moment.“ Etwas widerwillig reichte Lasse die Axt weiter.

 

Mit seinen stechenden Augen musterte der Mystiker die Waffe genauestens. Seine Fingerkuppen strichen über den Stahl, den Schaft und die Edelsteine. Dabei murmelte er unablässig Worte, die Einar nicht verstehen konnte. Minuten später war er endlich fertig. Nahezu unerträgliche Spannung hing knisternd in der Luft. „Sie ist perfekt.“, bemerkte Aelfjur und hatte tatsächlich einen anerkennenden Blick für Einar übrig. Stolz machte sich in der Brust des Schmieds breit. Er hatte dieses Meisterwerk geschaffen. Er allein. Die Euphorie machte ihn regelrecht benommen. Nur undeutlich vernahm er die Worte des Häuptlings. „Schmied, ich danke dir aufrichtig. Du hast etwas Einmaliges erschaffen. Großes wird mit dieser Axt vollbracht werden. Das verspreche ich.“ Währenddessen griff er wieder nach der Axt und wirbelte sie noch ein paarmal herum. „Herr!“, unterbrach ihn da der Mystiker, „Eins ist noch notwendig, um die Kräfte der Waffe vollends zu wecken.“ Der Häuptling schaute Aelfjur fast flehentlich an. „Ist das wirklich nötig?“, fragte er ihn. „Sie muss Blut schmecken und ein Leben nehmen. Noch heute Nacht. Dann ist sie bereit.“ Bei diesen Worten nickte der Mystiker in Richtung auf den Schmied. Einar schüttelte mit dem Kopf. Das hatte er sicher nicht richtig verstanden. Irgendwie musste ihm das alles sehr zu Kopf gestiegen sein: die Freude, der Stolz, dazu das Räucherwerk hier im Raum. Gerade wollte er noch einmal nachfragen, da sah er Lasse auch schon mit der Axt ausholen. Sie beschrieb einen weiten Bogen durch die Luft und schoss dann zielstrebig auf Einars Hals zu. Mit weit aufgerissenem Mund und reiner Panik in den Augen stand der Schmied da. Warum nur? Warum?

 

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Mondoria, Claudia Muther

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